4.Woche

… an einem heißen Mittwoch im Dschungel…

Nach unserem extrem anstrengenden Aufstieg entlang des Butterfly-Trails überlege ich, ob ich heute mal “heimlich aus dem Dschungelcamp” ausbüxe und in das Nachbardorf (ein gottverdammtes Dschungelnest mit ca. 15 Einwohnern) flüchte, um mal ein kaltes Bier zutrinken.

Um in das Dorf zu kommen, muss ich mit der Seilwinde über den Fluss, hoch zur “Strasse” (eher ein schlechter Feldweg) und dann zu Fuß ca. 20 Minuten laufen.
Ich gebe noch schnell Melanie Bescheid, dass ich mal “kurz” weg bin.

Es ist nun Nachmittags. Die Wolken verdichten sich allmählich und es sieht so aus, als ob es bald wieder ordentlich regnen wird. Alleine laufe ich der einsamen Strasse entlang, es ist kein Mensch und kein Auto weit und breit zu sehen oder zu hören. Das einzige was zu hören ist, sind die Stimmen aus dem Wald. Zahlreiche Vögel trällern, kreischen und singen ihre Lieder, um ein passendes Weibchen zum paaren anzulocken.

Ich erreiche den Ort und gehe in eine Bretterbude, in der es Kleinigkeiten wie Wasser, Cola, Bier und Kekse für die Dorfbewohner oder Durchreisende zu kaufen gibt.

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Im Inneren sitzen vier Peruaner, die sich eine Literflasche Bier teilen.
“Hola Chico! Como estas?” rufen mir die Männer zu. “Bien, gracias! Y Ustedes?” antworte ich höflich. Sie laden mich ein am Tisch Platz zu nehmen. Erst jetzt erkenne ich Mario, unseren “Mann für alles” aus unserem Camp wieder. Zu meinem Erstaunen sitzen auch unsere beiden Dschungelköche und Marios Sohn am Tisch. Unter dem Tisch hat es sich außerdem Manchas, der Hund aus dem Camp, bequem gemacht und freut sich auf den neuen Mann am Tisch. Schnell kommt eine zweite Literflasche Bier und ein kleines Glas für mich auf den Tisch. Wir prosten uns zu und ich stelle dabei fest, dass sich die Peruaner ein Glas zu viert teilen. “Por que uno vaso?” frage ich die Männer. Sie erzählen mir auf Spanisch, dass es bei den Peruanern üblich ist, eine Flasche und ein Glas zu teilen. Nacheinander trinken Sie das Glas aus und füllen es für den Nebensitzenden wieder auf. Ich will das Bier lieber aus dem eigenen Glas geniessen, da ich jetzt tagelang literweise chemisch gereinigtes Wasser und Kamillentee bis zum abwinken getrunken habe. Für die Peruaner ist das kein Problem, da sie wissen, dass die Europäer ihr Bier anders trinken. Wir unterhalten uns über dies und das und die Männer sind sehr neugierig, wie das Leben so in Deutschland ist. Ebenso interessiere ich mich für Ihr Leben im Dschungel und so entsteht eine lebendige Unterhaltung. Natürlich kommt immer wieder eine neue Literflasche Bier auf den Tisch und es wird pausenlos nachgeschenkt. Wir lachen und erzählen Witze. Mein Spanisch wird mit jedem Glas besser und besser. ;-)

Allerdings merke ich, wie mir das Bier allmählich in den Kopf steigt. Unsere beiden Köche sind auch schon schwer angeschlagen. Nach der achten Literflasche denke ich, dass es Zeit wird zu gehen. Draußen wird es langsam dunkel und der Regen setzt langsam ein. Mario ist noch durstig und will nochmal zwei Flaschen spendieren. Also gut, ich will ja nicht unhöflich sein und bleibe mit den anderen! Plötzlich schaut einer der Köche auf die Uhr und flucht, dass es schon fast sieben Uhr ist! Sie haben tatsächlich vergessen, dass sie noch im Dschungelcamp kochen müssen! Schnell werden die letzten Flaschen Bier geleert. Die Inhaberin der Bretterbude bastelte uns schnell noch aus Mülltüten ein paar Regenponchos. Ich verabschiede mich von den Chicos und schließe mich den Köchen an, um den Heimweg ins Camp anzutreten. Es ist schon rabenschwarz draussen und es regnet in Strömen. Die dicken Wasertropfen sind warm und fühlen sich angenehm auf der Haut an. Innerhalb kurzer Zeit entstehen knöchelhohe Pfützen auf der Stasse. Manchas, der Hund läuft voraus und führt uns den Weg. Er bleibt immer wieder stehen und wartet, bis wir ihm torkelnd folgen.

Völlig durchnässt kommen wir an der Seilwinde an. Ich steige mit dem ersten Koch in den Kasten. Der Wagen bewegt sich in das dunkle Nichts hindurch auf die andere Seite, wo schon jemand hektisch winkend mit einer Taschenlampe steht. Als wir lachend aussteigen, bemerke ich, dass es Melanie ist, die da auf uns wartet. Wir schicken schnell die Seilwinde zurück, damit der zweite Koch mit Manchas und den Lebensmitteln für das Abendessen auf unsere Seite kommen kann.

Schnell machen wir uns alle auf den Weg ins Haupthaus, wo schon die anderen Bewohner aus Verzweiflung und Hunger sich selbst in die Küche gewagt haben, um was zum Essen zu kochen! Gott sei Dank hat der Regen und der Marsch ins Camp dafür gesorgt, dass die Köche wieder einigermaßen klar wurden und noch was anständiges zum Essen zubereiten konnten.

Für mich war es ein interessanter und feucht-fröhlicher Tag! “Que buena suerte!”