Unglaublich, wie die Zeit vergeht! Wir sind jetzt schon fast 7 Monate unterwegs und haben irgendwie jegliches Zeitgefühl verloren. Wir reisen von einem Ort zum anderen, sind ständig in Bewegung. Jeder Tag ist neu und anders, jeden Tag erleben und sehen wir neue Dinge.
Jeder Tag ist fast wie ein neues Leben!
Und so treiben wir immer weiter in den Fluss des Reisens und können uns im Moment nicht vorstellen, dass dieser Fluss irgendwann einmal enden wird.

Nun fliegen wir weit über den Ozean von Miami nach Honolulu. Auf dem langen Flug denke ich viel an unsere Abenteuer in Südamerika zurück. Über 6 Monate zogen wir von einem Land zum anderen in Südamerika umher. Dieser grossartige Kontinent hat uns sehr geprägt und ich denke oft wehmütig zurück. Im Moment denke ich an ein ganz speziell erlebtes Abenteuer in COSTA RICA: Unsere Durchquerung des Corcovado-Dschungels auf eigene Faust!

Jeder erlebte Moment ist mir noch lebhaft in Erinnerung geblieben:

“…Heute ist es soweit! Wir haben die Genehmigung erhalten, um in den Nationalpark einmarschieren zu dürfen.
Dazu mussten wir pro Person 24 US-Dollar bei der Parkbehörde bezahlen und eine schriftliche Erklärung abgeben, dass wir die Dschungelexpedition auf eigene Verantwortung durchführen. Ausserdem mussten wir für den Notfall noch die Kontaktdaten unserer Angehörigen hinterlassen.

Wir haben nur ein paar Stunden Zeit, um noch schnell (über)lebenswichtige Dinge
zu besorgen und unsere Rucksäcke umzupacken.
So fahren wir mit dem Besitzer der Dschungellodge nochmal in das Dorf, um mehrere Liter Wasser, Proviant wie Kekse und Nüsse sowie hochwirksames Repellent (Mittel gegen Moskitos und Zecken) einzukaufen sowie ein Zelt auszuleihen.

Nicht nur die in wenigen Stunden bevorstehende Dschungelexpedition wird eine waghalsige Herausforderung! Leider stellt sich nämlich auch das Packen der Rucksäcke als eine echte Herausforderung dar, die ich grössenteils besser an Melanie übertrage.

Am Abend stehen wir vor zwei vollgepackten Rucksäcken, in denen unsere Essens- und Wasservorräte, Notfallmedikamente, mein Survialmesser, Ausweiskopien, wasserdichte Taschen, Leinenschlafsäcke, Kameraaustattung, Fernglas, Taschenlampen und natürlich das Zelt verstaut sind.
Nach einem letzten Check, ob wir auch wirklich an alles gedacht haben, lassen wir den Abend bei ein paar Bierchen ausklingen.
Ich hoffe, dass ich zwei Tage später erneut hier in dieser Dschungellodge mit einem eiskalten Bier in der Hand sitzen werde und nicht in der Wildnis durch einen Schlangenbiss ins Jenseits befördert werde.

Am nächsten Morgen werden wir nach einer viel zu kurzen Nacht um 4Uhr morgens von meinem Iphone erbarmungslos geweckt. Es ist noch finstere Nacht und aus der Ferne ist das laute Grollen der Brüllaffen zu hören. Das vorbestellte Taxi wartet schon auf uns. Zähne putzen, Katzenwäsche, Klamotten und Wanderstiefel an. Dann den Rucksack auf den Schultern hieven. “Oh, my god! Auf was für ein Abenteuer haben wir uns da wieder eingelassen?!” Das verdammte Ding auf meinem Rücken fühlt sich so an, als trage ich einen Elefanten auf meinem Schultern spazieren. Nach den wenigen Schritten zum Taxi wird mir schon klar, dass unsere Expedition kein Zuckerschlecken wird!

Bei dem Taxi handelt es sich um den bei Südamerikanern sehr beliebtem Toyota HILUX, einem allradbetriebenen und geländetauglichen Pick-Up.
Die Fahrt bis zur Rangerstation Los Patos wäre mit einem anderen Fahrzeug auch gar nicht möglich gewesen. Zum Nationalpark führen keine richtigen Strassen, sondern nur grobe Pisten die oft vor einem Fluss enden, durch den wir dann durchfahren mussten.
Ohne unserem Taxifahrer, der selbst immer wieder nach irgendwelchen “Zeichen” wie einem Stein oder einem umgestürzten Baum suchen musste, wären wir schon hier in der Wildnis verloren gewesen.

Der Nationalpark Corcovado liegt im westlichen Teil der Halbinsel Osa im Südwesten von Costa Rica. Er ist einer der besterhaltesten und am wenigsten besuchten Regenwälder Costa Ricas. Im Jahre 1975 wurde das 41,788 Hektar grosse Regenwaldgebiet zum Nationalpark erklärt.

Das hauptsächlich von dichtem Tieflandregenwald, prämontanem Bergregenwald und Mangroven bewachsene Gebiet beherbergt eine unglaubliche Anzahl von Tier- und Pflanzenarten, die an kaum einem anderen Ort der Welt bewundert werden kann: Es existieren mehr als 500 verschiedene Baumarten, etwa 140 Säugetier- und 370 Vogelarten, weiterhin über 150 Orchideenarten, 120 Reptilien- und Amphibien sowie mehr als 6000 Insektenarten!

Diesen nur wenig von Touristen besuchten Nationalpark wollen wir in zwei Tagen durchqueren und dabei versuchen Schlangen, Krokodile und giftigen Spinnen weitgehend aus dem Weg zu gehen. Wir hoffen, es wird uns gelingen!

Für den ersten Tag haben wir uns einen 23 Kilometer-Marsch quer durch den Dschungel von der Rangerstation La Leona bis zum Camp La Sirena, wo wir unser Nachtlager aufstellen werden, vorgenommen. Am zweiten Tag soll es nochmal 19 Kilometer weitgehend der Küste entlang bis zur nächsten Rangerstation Carate gehen. Von da aus wollen wir dann – hoffentlich gesund und munter – mit dem Collectivo zurück in unsere Dschungellodge.
Soweit unser Plan!

Wir melden uns bei der am Parkeingang befindlichen Rangerstation an und benutzen noch ein letztes Mal eine ordentliche Toilette, bevor wir in die Wildnis marschieren.

Einer der Ranger gibt uns noch den Rat auf Schlangen zu achten und bei einem Wildschweinangriff möglichst schnell auf einen Baum zu klettern. Na, prima!

Es ist jetzt schon 7Uhr und somit höchste Zeit aufzubrechen!

Sophie und Stefanie aus Berlin sowie Jörg schlossen sich uns an und so stapften wir zu fünft in die Wildnis. Nach nur wenigen Metern bot sich uns schon eine fantastisches Bild wie aus einem Märchen. Vor uns liegt ein kleiner Fluss und dahinter beginnt der Regenwald, der von einem mystischen Nebel umgeben ist und sich uns im Glanz der Morgensonne wie aus einem Hochglanzmagazin präsentiert.

Wir überqueren den Fluss und wandern mit nassen Füßen tief in den Wald hinein. Nach wenigen Minuten ist auch der Rest unseres Körpers völlig durchnässt. Im Wald ist es extrem schwül und heiss! Beim Einatmen hat man das Gefühl, als würde man heissen Wasserdampf in die Lungen befördern.

Aus dem Dickicht aus Blättern Wurzeln, Gehölz und von den gigantischen Urwaldriesen sind unzählige Laute und Vogelstimmen zu hören.

Nach einigen weiteren Schritten hören wir das typisch laute krächzen einiger Papageien, die sich irgendwo im dichten Blattwerk der Urwaldriesen versteckt halten. Plötzlich fliegt ein rotes Ara-Pärchen direkt über uns in einen Baum hinein. Es ist schon ein Wunder, wie die Natur das Federkleid dieser bezaubernden Geschöpfe mit derart intensiven und prachtvollen Farben ausgestattet hat.

Nur ein paar hundert Meter hörten wir plötzlich das uns wohlbekannte, aber immer noch unheimliche Schreien der Brüllaffen, die in schwindelerregender Höhe von einem Mammutbaum zum anderen sprangen und uns argwöhnisch von oben herab beäugelten.

So marschierten wir Stunde für Stunde immer tiefer in den feuchtheissen Wald hinein. Manchmal hatten wir das Gefühl, als würden unsere mühsamen Schritte von tausenden Augen aus dem grünen, umdurchdringlichen Dickicht verfolgt werden.

Mit jeder geschlagenen Stunde wurde es immer heisser und unerträglicher. Gegen Mittag, als die Sonne ihren höchsten Stand erreicht, ruhen wir uns auf einem entwurzelten Urwaldriesen aus. Der Schweiss läuft in Strömen auf unserer Haut hinab. Wir fühlen uns, als wären wir mit Klamotten in einem Dampfbad einen Marathon gelaufen.

Irgendwann haben wir
nur noch unser Tagesziel
vor Augen: Nämlich die Rangerstation noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen! Wir haben das Gefühl, dass die Zeit uns davonläuft und erhöhen deshalb unser Tempo. Dabei vergessen wir, dass eigentlich aus jedem Gebüsch und unter jedem Blatt rein theoretisch eine tödliche Gefahr in Form
Von Giftschlangen oder
anderen unangenehmen Getier ausgehen könnte. Immer wieder treffen wir auf Schlangen oder monstergrossen Spinnen, die plötzlich vor uns aus einem
Blattwerk auftauchen. An einem von dichtem Grün umgebenen Weg verfängt sich unbemerkt der Rucksack von Stefanie in einem dünnen
Ast, der sich daraufhin extrem spannte und drohte, mir ins Gesicht zu schnellen. Ich rief energisch stopp, da ich ausserdem aus dem Augenwinkel heraus eine riesige Spinne auf einem Blatt entdeckte. Ich will auf keinen Fall dieses zwar durchaus interessante, aber möglicherweise giftige Tier auf meinem Gesicht spüren! Vorsichtig entferne ich den verfangenen Ast von Stefanies Rucksack und lass dabei die Monsterspinne nicht aus den Augen. Schnell
noch ein Foto von dem achtbeinigen Monster und dann lies ich den auf Spannung gehaltenen Ast zurück schnellen.
Goodbye Spiderman! :-)

Nach zigtausend weiteren Schritten durch den glutheissen Dschungel haben wir es nun doch noch kurz vor Einbruch der Dämmerung geschafft! Die ersten Zeichen einer Zivilisation sind wieder erkennbar: Ein paar von Menschenhand gebauten Holzschilder weisen auf die letzten 3 Kilometer bis zur Rangerstation La Sirena hin. GOTT SEI DANK!!! Wir haben uns also doch nicht verlaufen… mit einem Schub erneuter Motivation laufen wir zügig in Richtung unseres Zwischencamps und freuen uns auf eine frische Dusche und auf unseren Schlafsack!

Die Rangerstation La Sirena empfing uns auf einer Waldlichtung nahe dem Pazifik, die auch als Landebahn für kleine Passagierflugzeuge dient. Manche Touristen, denen der Dschungelmarsch zu anstrengend oder gefährlich erscheint, landen hier ebenfalls
mit kleinen Fliegern aus Puerto Jimenez.

Direkt hinter der Wiese, bzw. Landebahn sahen wir zum ersten Mal einen riesigen Tapir. Das seltene und vom Aussterben bedrohte
Tier war locker über 2 Meter gross und döste gemütlich im Schatten vor sich hin.

Das Rangercamp ist überraschend gut besucht. Während wir auf unserer gewaltigen Tour durch den Dschungel kaum auf eine Menschenseele trafen, gaben sich hier nun sämtliche Abenteurer, Ornithologen und sonstige Naturfreaks zu einem
munteren Stelldichein. Ich fühlte mich unangenehm schmutzig und freute mich schon riesig auf eine frische Dusche. Leider waren die vorhandenen Sanitärräume mehr als nur dürftig! Wir hatten leider keine Flipflops dabei, weshalb wir uns mit Hilfe einiger Plastiktüten provisorische Schuhe für die Dusche bastelten. Barfuss wollten wir die Sanitärräume auf keinen Fall betreten. Luft anhalten, schnell duschen und wieder schnell raus!

Leider waren sämtliche Schaumstoffmatten schon vergriffen, weshalb uns nur noch der harte Holzboden als Schlafunterlage blieb. Unser 3-Mann-Zelt schützte uns zumindest vor den vielen Blutsaugern in Form
von Zecken und Mücken. Trotz den äusserst unkonfortablem Bedingungen, schliefen wir schnell und erschöpft ein. Leider klingelte um 3:30Uhr schon wieder erbarmungslos unser Wecker! Mitten in der Nacht brachen wir zur zweiten Etappe unsere Dschungeltour an. Weitere knapp 20 Kilometer durch unwegsames Gelände standen uns bevor!
Wir reckten und streckten nochmal unsere müden und strapazierten Knochen, bevor wir unsere Zelte abbauten und unsere Rucksäcke auf unsere Schultern hievten.
Nachdem wir nochmal unsere Wasservorräte gecheckt und aufgefüllt haben, geht es nun etwas widerwillig weiter!

Wir hoffen, dass wir die Rangerstation Carate heute lebend erreichen werden! ;-)

Es ging erstmal genauso weiter wie am gestrigen Tag. Allerdings marschieren wir jetzt in der Dunkelheit durch den Dschungel, was noch um einiges umheimlicher ist. Aus dem dunklen Wald hörten wir viele undefinierbare Laute. Zeitweise hatten wir das Gefühl irgendetwas würde uns verfolgen. Ein Leopard? Ein Puma? Oder eine Horde Wildschweine? Wir werden es wohl nie erfahren, was uns da möglicherweise auf den Fersen war.
Dann kurz nach Sonnenaufgang und zwei Stunden später, erreichen wir endlich die Küste, die in herrlich frischen Blautönen leuchtet und zu einem erfrischenden Bad einladend aussieht. Der Dschungel endet praktisch direkt am Meer!

Leider müssen wir erstmal auf ein kühles Bad verzichten, da wir erst noch ein paar Kilometer aufzuholen hatte. Ausserdem mussten wir permanent die bald kommende Flut im Auge behalten. Die Flut könnte uns den Weg abschneiden uns in Lebensgefahr bringen. Wir liefen ein paar Stunden immer am unberührten Strand entlang. Links von uns befand sich der dichte, grüne Dschungel und rechts der endlose Pazifik. Wir mussten zwei kleinere Flüsse überqueren, in denen sich normalerweise Krokodile tummeln. Doch wir hatten Glück, es war augenscheinlich kein Kroko in der Nähe. Von anderen Reisenden hörten wir, dass man an dieser Stelle der Flussmündung auf der einen Seite Krokodile und auf der Meeresseite einige Hammerhaie zeitgleich sehen kann! Wir hatten leider keine von den Spezies sehen können. Schade!

Wir ueberquerten einen extrem steilen Berg durch Buesche und Gestruepp, wanderten durch ebene Waldstuecke und machten irgendwann eine Badepause. Die Wellen und die Strömungen waren allerdings plötzlich sehr stark, so dass wir höllisch aufpassen mussten, um nicht weggesogen zu werden.

Dennoch war es erfrischend und wir konnten wieder ein bischen neue Kraft schöpfen.

Weiter ging es immer den Strand entlang, was sehr anstrengend, manchmal sogar richtig zum kotzen war. Ausserdem bemerkten wir, dass die Flut immer schneller kam und nur selten Fluchtwege in den Dschungel zu sehen waren.
So marschierten wir noch schneller.
Als wir nach einer gefühlten Ewigkeit von weitem die Rangerstation Carate sahen, waren wir überglücklich!
Noch glücklicher waren wir, als wir die Station dann durstig und erschöpft erreichten.
Wir machten etwa eine knappe Stunde Rast. Wir sassen einfach nur schweigend da, ruhten uns aus und tranken Wasser. Dann ging es noch 3-4 Kilometer weiter am Strand entlang, bis zum “Dörfchen” Carate (die Bezeichnung ist noch weit übertrieben!).
Dort wartete ein grosser komfortabler Pickup mit Klimaanlage auf uns, dessen Fahrer uns zurück in die Zivilisation brachte.
Was für ein Glück, mit dem ursprünglich geplanten Collektivo wäre das eine erneute Belastung für unser schon geplagten Bandscheiben gewesen.

Was für ein Abenteuer! Nach zwei Tagen und nach knapp 50 Kilometer durch den Dschungel, sowie mit vielen Blasen und Schwielen an den Füssen und um eine echte Grenzerfahrung reicher, kamen wir schliesslich wieder zurück in unser Dschungelcamp!….”
Obwohl es hart war, war es auch im Nachhinein betrachtet eine tolle und spannende Erfahrung, die unvergessen bleiben wird!

Aus dem Lautsprecher über mir knackt es. Das Geräusch reisst mich aus meinen Tagträumen und befördert mich wieder zurück in die Gegenwart. Der Pilot teilt mit, dass wir in wenigen Minuten in Honolulu landen werden!
HAWAII…. Wahnsinn!