24./25. Woche – 7. März bis 14. März 2013

Endlich gab es Entwarnung seitens der Hafenmeister und wir durften es uns nun erneut bequem in dem morschen Holzkahn machen. Im Bauch des Bootes, wo wir auf ausrangierten Sitzbänken von US-Schulbussen Platz nahmen, roch es nach verfaultem Holz und Erbrochenem. In der Mitte des Bauches war ein junger Mann pausenlos mit einer Pumpe beschäftigt, um das einlaufende Wasser wieder nach draussen zu befördern. Na, prima!

Der See war jedoch deutlich ruhiger als bei der Hinfahrt, weshalb wir dieses Mal das andere Ufer mit unserem Frühstück im Magen erreichten.

Am Festland angekommen ging alles ratzfatz, der “Chickenbus” stand schon bereit und fuhr uns direkt nach Granada. Wir waren immer wieder auf’s Neue erstaunt, wie trotz der sehr einfachen und improvisierten Verhältnisse in Süd- und Mittelamerika doch alles reibungslos funktionierte. So ging uns zu keiner Zeit unser Gepäck verloren, Busse und Flugzeuge starteten fast immer pünktlich, es wurde nichts gestohlen und wir erlebten auch keine Unfälle. Eigentlich fast schon ein Wunder, wenn wir uns an die teilweise haarsträubenden Busfahrten in Peru zurück erinnern.

Auch unsere Busfahrt nach Granada verlief ohne Zwischenfälle. Als wir am Busbahnhof ankamen, latschten wir mit unseren Rucksäcken wie beladene Maultiere durch die hunderttausend Einwohner zählende Stadt, um nach einer passenden Unterkunft zu suchen. Wir marschierten durch das Marktviertel, in dem unzählige Händler um Kundschaft buhlten und alles Mögliche verkauften. Besonders beliebt waren auch hier wieder mal gefälschte Markenware sowie Smartphones und allerlei dazupassendes Zubehör. Nach einem langen, anstrengenden Marsch in der Gluthitze, wurden wir dann doch noch fündig! In bester Lage, inmitten der wunderschön renovierten und bunten Altstadt und einer beliebten Ausgehmeile, fanden wir ein bezahlbares Zimmer mit toller Aussicht auf die Stadt mit seinen zahlreichen Kirchen.

In den Strassen war viel los. Zahlreiche Touristen aus den USA tummelten sich in den etlichen Bars und Restaurants umher. Uns fiel sofort auf, dass sich in dem nächtlichen Getümmel auch zahlreiche Kinder rumtrieben, die entweder Touristen anbettelten oder ihnen irgendetwas verkaufen wollten. Als wir bei einem Drink in einem Strassencafe sassen, kam ein kleiner charmanter Junge zu uns an den Tisch und flechtete ruckzuck eine Rose aus getrockneten Palmblättern und drückte diese Melanie in die Hand. Wir konnten seiner zwar aufdringlichen, aber trotzdem charmanten Art nicht widerstehen und gaben ihm zwei Dollar in die Hand. Ein Kellner beobachtete das und verjagte den Jungen mit einem Tritt in den Hintern. Kurze Zeit später stand schon wieder der nächste Junge bei uns am Tisch und wollte uns etwas verkaufen. Als wir am nächsten Tag eine beliebte irische Bar besuchten, erfuhren wir einiges über die umherziehenden Strassenkids. In der Getränkekarte befand sich in englischer und spanischer Schrift einige sehr interessante Erklärungen und Hinweise zur Situation der nicaraguanischen Kinder. Scheinbar sollte kein Kind in Nicaragua Hunger leiden, da jede Familie über ausreichend Grundnahrungsmittel verfügt und es darüber hinaus zahlreiche Organisationen gibt, die den Bedürftigen mit Nahrung aushelfen. Die Kinder sehen in den Touristen einfach nur wandelnde Geldautomaten, in deren Taschen die Geldquelle niemals zu versiegen scheint. Deshalb schwänzen viele Kids die Schule und gehen lieber bei den Touris betteln. leider gibt es auch wohl Eltern, die ihre Kids zum betteln und arbeiten schicken. Außerdem sehen sie, dass sich die Touristen anders ernähren als ihre Familien. Aus ihrer kindlichen Neugierde heraus wollen sie natürlich auch Cola, Hamburger, Pommes und Pizza verputzen und möglichst viel vom “westlichen” Lebensstil aneignen. So manch böser Tourist mit perversen Neigungen macht sich dann die kindliche Neugierde zunutze und lockt kleine Jungs mit kleinen Geschenken, Cola und Hamburgern zu sich, um sie dann sexuell auszunutzen. Zahlreiche Plakate und Hinweisschildern in der Stadt weisen daraufhin, dass Sex mit Kindern ein Verbrechen ist und hart bestraft wird. Trotzdem tauchen wohl scheinbar gelegentlich pädophile Touristen auf, wenn auch nicht so offensichtlich und häufig wie in manchen asiatischen Ländern. Für uns trotzdem schrecklich und unbegreiflich!

Am schönen, heissen Nachmittag des darauffolgenden Tages besuchten wir eine alte Kirche im Stadtzentrum und bestiegen den Glockenturm, von wo aus wir eine fantastische Sicht über die Stadt und den naheliegenden Vulkanen hatten. Als sich die Sonne allmählich vom Tag verabschiedete, leuchteten die alten Gemäuer und die farbenprächtigen Fassaden wie Gold und Diamanten. Ein beeindruckendes Licht- und Farbspiel!

Auf dem Rückweg zu unserem Hotel besuchten wir noch ein Office, welches Ausflüge zu dem naheliegenden Vulkan Masaya anbot. Am Eingang stand ein Schild auf dem stand: 100% Nicas! Was bedeuten soll, dass das Unternehmen ausschlieslich von Einheimischen geführt wird. Die Jungs waren uns gleich sympathisch, weshalb wir uns gleich zu einer Vulkantour für den darauffolgenden Tag angemeldet hatten. Der Besitzer erzählte uns sogar in gebrochenem Deutsch, dass er auch schon in Berlin und in Zürich lebte. Als kleinen Bonus gab er uns sogar noch zwei qualitativ gute Mountainbikes dazu, die wir solange wir wollten, kostenlos nutzen durften. Was für ein toller Service!

Am nächsten Tag wurden wir pünktlich vor unserem Hotel mit einem kleinen Bus abgeholt. Eine halbe Stunde später standen wir schon völlig überwältigt am Kraterrand des rauchenden Vulkans. Die ganze Landschaft um uns herum strahlte in den schönsten Farben, besonders magisch war das Licht, als die Strahlen der Abendsonne sich in den dampfenden Rauch des Vulkans mischten und diesen rötlich färbten. Atemberaubend war auch nicht nur die spektakuläre Sicht in den unglaublich tiefen Krater hinein, sondern auch die daraus steigenden Gase und Dämpfe! Tja, die Gasmasken wurden uns eben doch nicht nur zum Spass zur Verfügung gestellt. Unsere Neugier und Abenteuerlust trieb uns dennoch bis an den Rand des Kraters, wo wir angesichts des gewaltigen Naturspektakels eine Gänsehaut bekamen.
Mit einer Taschenlampe in der Hand und einem Bauhelm auf dem Kopf wanderten wir im Anschluss noch zu einer Höhle, in der es nur so vor kleinen Vampiren, in Form von Fledermäusen wimmelte. Mit unserem Guide gingen wir noch zu einer weiteren versteckten Höhle. Vor dem Eingang war es stockdunkel. Unser Guide bat uns alle Lichter auszuschalten. Irgendwie unheimlich… eine vollkommene Dunkelheit und Stille umgab uns. Plötzlich spürten wir so etwas wie einen geräuschlosen Wind oder einen starken Luftzug, der direkt aus der Höhle auf uns zukam und auf einmal flogen Tausende von Fledermäusen über unsere Köpfe hinweg und in die dunkle Nacht hinaus. Wieder Gänsehautfeeling! Über 35000 tausend Fledermäuse und vier Arten leben in dieser Höhle und verlassen jede Nacht ihren Unterschlupf um nach Beute zu jagen.

An unserem letzten Tag unternahmen wir noch einen kurzen Trip zum naheliegenden Vulkankratersee “Apoya de Lago”. Chillen, schwimmen und Kanufahren stand auf dem Programm. In dem herrlich klaren und angenehm frischen Kratersee war dies ein wahres Vergnügen. Die Natur um uns herum war wieder einmal einfach nur berauschend schön.

Dann ging unsere Reise weiter in die von deutlich weniger Touristen besuchte Stadt Leon, die mit vielen alten Kirchen und Türmen und alten Strassen einen etwas morbiden Charme versprühte. Es war so heiss wie noch nie auf unserer Reise. Trotzdem meldeten wir uns zu einer vielversprechenden zweitägigen Vulkanwanderung mit einer Übernachtung direkt am Kraterrand an. Leider mussten wir diese am nächsten Tag schon wieder canceln, da mich “Montezumas Rache” ereilte und ich mich nur noch zwischen Hängematte, Toilette und Bett bewegen konnte. An eine Wanderung bei dieser extremen Hitze war nun ohnehin nicht mehr zu denken! So verbrachten wir einige unspektakuläre Tage in unserem Hostel und surften viel im Internet umher, um unsere weitere Reise zu planen.

Als es mir wieder am dritten Tag besser ging, fuhren wir in aller Herrgottsfrühe mit einem vorbestellten Taxi in die 100 Kilometer entfernte Hauptstadt Managua, um mit einem kleinen Flieger in die Karibik zur Little Corn Island zu fliegen. Auf dem Weg dahin musste unser Fahrer etlichen Pferdekutschen ausweichen, die unbeleuchtet in der Dunkelheit am Strassenrand entlang fuhren. Zur Warnung blitzen manchmal lediglich nur kurz Taschenlampen oder das Flackern eines Feuerzeuges auf (!). Eben eine völlig andere Welt!