15.Woche – 20.Dezember 2012

5Uhr in der Früh. Der Iphone-Wecker klingelt und der Hahn kräht, doch wir schlummern tief und fest unter unserem Moskitonetz und bekommen von alldem nichts mit!
Erst als Melanie zufällig die Augen öffnet, auf ihre Armbanduhr schaut und “Scheisse” murmelt, schrecke ich auch aus meinem Schlaf.
5:20Uhr zeigt die Uhr! Um 5:30Uhr wollten wir mit unserem Guide zu einer morgendlichen Kanutour aufbrechen.
Blitzschnell sind wir angezogen und erreichen tatsächlich noch pünktlich den Bootssteg, wo unser Guide Ralf schon startklar im Kanu auf uns wartet.

Obwohl es noch sehr früh und sehr nebelig ist, brennt die Morgensonne schon auf unserer Haut. Langsam gleiten wir mit dem Kanu durch das Wasser und den Morgennebel. Der ganze Fluss ist in ein mystisches Licht getaucht. Ab und zu sehen wir Kaimane, die von ihrer nächtlichen Jagd zurückkehren.

Nur ein paar Meter von unserem Bootsteg entfernt, entdecken wir sogar einen etwa 3 Meter grossen Kaiman. Wir hoffen, dass der stattliche Kerl bei seiner Jagd erfolgreich war und uns später, wenn wir wieder in das Wasser springen, verschont!

Obwohl wir ausser Vögel und Kaimane nicht viel entdecken können, ist es besonders spannend die Natur frühmorgends vom Wasser aus zu erleben. Der Nebel packt die ganze Landschaft in eine angenehme Stille und die Sonnenstrahlen sorgen für ein mystisches Licht.

Nur ab und zu hören wir gedämpfte Vogelstimmen und die letzten Frösche quaken, bevor sie in den dunklen Wald zurückkehren, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen.
Es ist für uns unglaublich wohltuend, endlich mal kein Zivilisationsmüll wie Plastiktüten, Flaschen und Dosen zu sehen. Alles wirkt friedlich, sauber und rein!

Nach einer Stunde kehren wir hungrig zum Frühstück zu unserer Lodge zurück.

Eine lange Pause wird uns nicht gegönnt! Schon direkt nach dem Frühstück werden wir zum nächsten Trip herausgefordert: Ein dreistündiger Fussmarsch durch ein etwas weiter entferntes Dschungelgebiet steht an.

Unser “Überlebenskoffer” ist schnell gepackt: Messer, Repellent, Sonnenhut und -creme sowie lange Kleidung sollten uns vor den Gefahren des Dschungels schützen.

Im dichten Urwald stehen wieder “Mutproben” an, die eng an den alten Ritualen der indigenen Bevölkerung geknüpft sind. Hierin kennt sich Ralf am besten aus, da er selbst im Dschungel geboren und aufgewachsen und indigener Abstammung ist.

Wir stülpen unsere Socken über die Hosen und los geht es!

Die erste Mutprobe steht schon gleich an, als wir vor einem Baum stehen an dem ein riesiger Ameisenbau klebt.
Da einer aus unserer Gruppe auf der Suche nach einer “echten Amazone” ist, wurde er auserwählt, seine Hand in den Ameisenbau zu legen. Ralf erklärte ihm, bevor er eine Indianerfrau heiraten dürfe, müsse er erst einige Rituale überstehen, die ihn zum echten Mann machen. Widerwillig stimmt er zu und legt zögernd seine Hand auf den Bau. Sofort rennen die Ameisen los und krabbeln über seine Hand. Doch die Schmerzensschreie bleiben aus, worüber wir uns sehr wundern. Vor allem deshalb, weil wir selbst schon mehrfach schmerzhafte Begegnungen mit Ameisen hatten. Besonders die Myriaden von Ameisenbisse, die wir im Dschungel von Peru abbekamen, bleiben uns schmerzlich in Erinnerung.

Ralf bat den Kandidaten nun die Hand wieder wegzunehmen und die Ameisen in seine Handflächen zu verreiben. Es passierte nichts weiter, ausser dass sich plötzlich ein angenehmer zitronenähnlicher Duft verbreite.

Mit dieser Probe wollte er lediglich den Mut des Kandidaten testen und erklärte uns dabei, dass die Indios sich mit diesen Ameisen vor Moskitos schützen. Darüber hinaus wird dieses Ritual vor der Jagd angewandt, damit die Tiere den menschlichen Geruch nicht wahrnehmen können. Bei dem eigentlichen Ritual der Indios handelt es sich jedoch um beissende Feuerarmeisen.

Einige Schritte weiter zeigt uns Ralf ein paar armdicke Löcher im Boden. Ich ahne schon, was in den Löchern haust. Nämlich Vogelspinnen, die bis fast 20cm gross werden können!

Mit einem langen Grashalm beugt er sich herunter und steckt dieses vorsichtig in das Loch hinein, dabei wedelt er es hin und her. Gespannt blicken wir alle mit unseren gezückten Kameras in das kleine Erdloch. Plötzlich bewegt sich was im
Inneren und wir hoffen, dass uns die Vogelspinne nicht gleich ins Gesicht springt!
Aber sie schaut nur kurz verärgert aus ihrer kleinen Höhle und zieht sich wieder schnell zurück. Für uns war dieser kurze Blick ausreichend, mehr wollten wir nicht unbedingt sehen!

Im Wald ist es extrem schwül. Die Luftfeuchtigkeit beträgt über 90%, die Aussentemperatur weit über 30 Grad Celsius. Jeder Schritt ist beschwerlich, aber auch spannend. Wir erfahren von Ralf viel über die Pflanzen und deren Nutzung im Alltag und in der Medizin und sind sehr erstaunt, was die Natur so alles zu bieten hat.

So lernen wir den “Wickbaum” kennen, aus dessen Rinde man einen Sud kocht. Die daraus entstehenden Dämpfe wirken wohltuend und heilend bei Husten und Halsschmerzen. Die Pharmaindustrie setzt dieses natürliche Arzneimittel z.B in “Wick” Produkten wie MediNait ein.

Mit der harzähnlichen Masse des “Brio Branco”-Baumes (der genaue Name ist uns leider entfallen) kann man langbrennende Fackeln herstellen, in dem man ein Stück Rinde entfernt und dann das Ende eines Ast oder Stöckchens in das austretende “Harz” steckt. Dann muss dieses nur noch angezündet werden und “voila!” hat man eine langbrennende Fackel in der Hand. Der dadurch entstehende Rauch wirkt ausserdem beruhigend und heilend bei Kopfschmerzen. Die Indios atmen diesen Rauch durch die Nase ein, um die Atmungsorgane und den Kopf zu heilen und zu befreien.

Aus den dünnen Ästen des Amberbaumes haben wir “Zigaretten” hergestellt, die man tatsächlich nach vierwöchiger Trockenzeit auch rauchen kann. Wir sind schon auf die Wirkung gespannt! ;-)

Zum Schluss steht noch eine letzte Mutprobe an. Ralf nimmt eine Babacu-Nuss vom Boden auf, die von einer Ölpalme stammt.

Mit seiner Machete öffnet er die stahlharte Schale und holt aus dem Inneren einige ca. 3cm grosse Larven hervor. Er präsentiert uns diese in seiner Handfläche und meint, wer zuerst eine der sehr proteinreichen Larven ißt, erhält ein Geschenk aus dem Dschungel!

Ich als “90%-Vegetarier” habe da natürlich gleich dankend abgelehnt. Melanie ist da etwas neugieriger und mutiger, möchte aber, dass unser Guide zuerst eine verspeist. Dieser lehnt jedoch ab und besteht als charmanter Gastgeber darauf, dass einer von uns zuerst essen darf. Sonst gibt es kein Geschenk! Nachdem die drei anderen Jungs eine verspeist hatten, überwindet sich nun auch Melanie! Mit einem komischen Gesichtsausdruck verschlingt sie die dicke Larve. Na, Mahlzeit!

Mit den lehrreichen Erfahrungen aus dieser fast vierstündigen Wanderung sind wir nun für unsere erste Nacht unter freiem Himmel im Regenwald gerüstet!

Mit dem Kanu geht es zurück zur Lodge um unsere Hängematte, Proviant und andere Dinge für die Nacht einzupacken. Danach geht es wieder mit dem Kanu durch die unzähligen Flusskanäle, bis wir unser weit fernab gelegenes Dschungelcamp erreichen.

Mit Sack und Pack laufen wir eine Böschung hoch. Auf einer kleinen Lichtung befindet sich unser Camp, wo wir unsere Hängematten und Moskitonetze unter einem Palmenstand aufbauen.

Mit dem Boot fahren wir in ein trockenes Waldgebiet um reichlich Brennholz für unser Lagerfeuer zu holen.
Am Feuer braten wir dann Hühnchen und erhitzen Reis und rösten leckere Baguettebrötchen.

Ralf klärt uns noch über die möglichen Gefahren auf, die Nachts im Dschungel auf uns lauern könnten. Die meisten gefährlichen Tiere wie Giftschlangen, Spinnen, Kaimane oder Giftfrösche sind nachtaktiv. Allerdings sind die meisten Tiere ohnehin dem Menschen gegenüber scheu, so dass wahrscheinlich keine Gefahr bestehen wird.

Eine “Toilette” dürfen wir sicherheitshalber Nachts trotzdem nur in der unmittelbaren Nähe des Camps aufsuchen.

Falls einer von uns von einer Giftschlange gebissen wird, was nachts durchaus passieren kann, muss die Schlange sofort getötet und mit zum Arzt nach Manaus gebracht werden. Im Falle eines Bisses hat man noch ca. 4-5 Stunden Zeit, die einem bleiben, um das lebensrettende Gegengift zu bekommen. Die Ärzte in Manaus sind etwa 4 Stunden entfernt. Beruhigend….

“Don’t think to much!” empfiehlt uns unser Guide. Mit dieser Empfehlung schmeissen wir uns schon früh in unsere Hängematten und schlafen überraschend schnell tief und fest ein.

Einige Stunden später erwachen wir durch ein kräftiges, tiefes Grollen. Diese fast angsteinflössenden Laute scheinen aus kilometerweiter Entfernung herzukommen. Nach und nach wird das Grollen und Brüllen immer lauter, man könnte denken, ein paar Dinosaurier brüllen um die Wette. Die Laute kommen immer näher. Doch plötzlich verstummen sie. Es waren Brüllaffen, die ihr Revier verteidigten.

An weiterem Schlaf war jetzt nicht mehr zu denken. Also stehen wir auf und bereiten das Lagerfeuer für das Frühstück vor. Es gibt frisch gekochten Kaffee und dazu geröstete Baguettes mit Butter und Marmelade.

Für Melanie gibt es noch das versprochene Überraschungsgeschenk: Sie wird zur Dschungelkönigin gekürt und erhält von Ralf eine schöne Krone aus Palmblättern, dass er mal eben in nullkomanix selbst geflechtet hatte. Bravo, Applaus!

So ging ein spannender Tag und eine aufregende Nacht tief im Amazonasdschungel zu Ende!

Mit den neu erworbenen Kenntnissen und Fähigkeiten sind wir nun für weitere Dschungelexpeditionen gewappnet.

Treppe zum Fluss in der Lodge

Amazonie im Schnellboot

Unser Guide klettert eine Acai Palme rauf

Ralf flechtet in Windeseile einen Fächer

Pilz

Hängematte mit Moskitonetz

Dach im Dschungel

Dunkelheit im Dschungel

Frühstück

Kaffezubereitung im Dschungel